Kaeser zu Big science

„Wir brauchen kleine Biotope für neue, quere Ideen“

Im Mai 2014 wurde in Neuenburg die Microcity eröffnet. Mit diesem Zentrum für Mikrotechnik wollen der Kanton Neuenburg und die ETH Lausanne den Forschungsplatz Neuenburg stärken. Doch wie behauptet sich Neuenburg gegen Grossforschungsprojekte wie das Europäische Labor für Teilchenphysik in Genf (CERN) oder das in Lausanne angesiedelte EU-Leuchtturmprojekt Human-Brain-Project? Dazu ein Gespräch mit dem in Bern lebenden Wissenschaftspublizisten Dr. Eduard Kaeser.

"xxxx": Der Wissenschaftspublizist Eduard Kaeser.
Image: Annette Boutellier

Herr Kaeser, das CERN feiert in diesem Herbst sein 60 Jahr-Jubiläum. Ist dieses Institut der physikalischen Grundlagenforschung heute noch der Inbegriff von 'Big Science'?

Eduard Kaeser: Das CERN hat ja kürzlich mit der Entdeckung des Higgsteilchens am grossen Teilchenbeschleuniger LHC einen grossen Triumph gefeiert. Zweifellos wäre dieses Resultat nicht möglich gewesen ohne die intensive vernetzte Kooperation von Forscherinnen und Forschern, in Theorie und Experiment. Das ist durchaus das Markenzeichen von ‚Big Science’. Das Bild freilich, das zum Beispiel der ehemalige Generaldirektor Robert Aymar vom LHC zeichnete, jenes nämlich einer „Entdeckungsmaschine“, an der man quasi nur zu „drehen“ habe, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, ist nicht nur unzutreffend, sondern kann in der Öffentlichkeit auch zu falschen Erwartungen und dann zu Gegenreaktionen aus Enttäuschung Anlass geben.

Sind grosse, teure Forschungsprojekte geeignet, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse voranzutreiben? Oder kommt der Fortschritt nicht eher von findigen Köpfen mit originellen Ideen?

Das war immer so. Und das ist auch in ‚Big Science’ so. Man muss das gerade heute besonders hervorheben, wo man ‚Big Science’ zunehmend mit ‚Big Data Science’ gleichzusetzen beginnt. Darin sehe ich eine fatale Tendenz: Quasi den Algorithmen das Forschen zu überlassen. Das Ferment der Wissenschaft aber sind Ideen, nicht Daten. Ideenmaschinen gibt es nicht, wird es wahrscheinlich und zum Glück nicht geben.

Neuenburg ist mit der Microcity der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und der Universität Neuenburg ein Ort der Grundlagenforschung, mit dem Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique (CSEM) aber auch ein Ort der angewandten Forschung: Wären die Milliarden, die für das CERN oder das Human-Brain-Project ausgegeben werden, nicht besser in der angewandten Forschung – etwa in der Mikrotechnologie – investiert?

Ein Blick auf die Agenda der Europäischen Union zeigt deutlich, unter welcher Flagge die Forschung heute segelt: Mehr Daten! Potentere Algorithmen! Das Human-Brain-Project möchte einen Hirnsimulator bauen, der sich aus allen verfügbaren neurowissenschaftlichen Daten speist. Die monströse Paradoxie des Unternehmens hat der Leiter Henry Markram selber auf den Punkt gebracht: „Wir sind noch weit weg davon, das zu verstehen. Ich habe 25 Jahre darüber geforscht. Und mit mir haben 200'000 Neurowissenschaftler auf der Welt dasselbe getan wie ich. Sie graben sich in ein Detail ein, erforschen die Wirkungsweise eines Proteins oder eines Gens. Jedes Jahr erscheinen 100'000 neue Arbeiten über das Gehirn. Doch jede Entdeckung wirft neue Fragen auf, das menschliche Gehirn wird nicht verständlicher, sondern immer komplexer.“ Vielleicht müssen wir uns allmählich mit zunehmender Informationsmenge auch mit einer neuen Kategorie von Systemen anfreunden, die wir umso weniger verstehen, je mehr Informationen wir über sie haben. Ein Puzzle, das mit der Anzahl Puzzlestücke immer rätselhafter wird.

'Big Science' ist nicht nur teuer, sie geht im Fall des CERN auch mit Resultaten einher, die einer breiten Öffentlichkeit kaum mehr verständlich gemacht werden können. Hat diese Grossforschung noch den Rückhalt in der Bevölkerung?

Big Science wird immer abhängiger von Big Technology. Das Problem ist wirklich die Dynamik des „Too Big“. Diese Art von Wissenschaft kann nicht mehr redimensioniert werden. Sie wächst allen über den Kopf. Einer der Grossen der Physik, Steven Weinberg, brachte es auf den Punkt: „Es nützt nichts, nur den Halbkreis eines Beschleunigertunnels zu bauen.“ Bei aller Faszination etwa der modernen Teilchenphysik und Kosmologie scheint ihre Überzeugungskraft in dem Masse zu schwinden, in dem sie sich von der Alltagswelt des modernen Bürgers entfernen.

Der Bau des Superconducting Super Collider in Texas wurde 1993 aufgrund der Kostenexplosion abgebrochen. Steven Weinberg debattierte damals mit einem Kongressabgeordneten in einer Radiosendung. Der Politiker sagte, er sei nicht gegen Wissenschaft, er sei für Prioritätensetzung. Als ihn Weinberg fragte, ob denn die Suche nach den fundamentalen Naturgesetzen nicht oberste Priorität habe, antwortete der Kongressabgeordnete kurz und bündig mit „Nein!“. Er dürfte damit durchaus die Stimmung einer Mehrheit zum Ausdruck gebracht haben, die mit den Vorstössen der Forschung in die tiefen Rätsel des Universums schlicht nichts mehr anfangen kann. Es war übrigens Weinberg, der einmal schrieb, dass uns das Universum umso sinnloser erscheinen würde, je tiefer wir in seine Geheimnisse eindringen. Ist das ein Forschungsmotiv?

Ist die Schweiz gross genug, um in der 'Big Science' mitzumischen?

Die Grösse eines Landes ist kein Kriterium, sondern das Klima, das es kreativen Geistern anzubieten hat: So gesehen hat die Schweiz durchaus ein Potenzial, in der ‚Big Science’ mitzumischen. Nicht mit Hochglanz-Milliarden-Projekten, sondern mit kleinen Biotopen für neue, quere Ideen. Vielleicht sollte sie sich gerade in diesem ‚Querdenken’ noch mehr profilieren.

Interview: Benedikt Vogel (veröffentlicht 28. 8. 2014)

Unter dem Titel 'Big Science – eine Herausforderung für unsere Gesellschaft' – diskutieren am Mittwoch, 3. September 2014, von 16.00 bis 17.30 Uhr im Auditoire der Microcity Neuenburg (Rue de la Maladière 71): PD Dr. Hans Peter Beck (CERN, Universität Bern), Prof. Richard Frackowiak (Human Brain Project), Prof. Christian Enz (Institut für Mikrotechnik der EPFL). Moderation: Olivier Dessibourg (Le Temps). Die Öffentlichkeit ist zu der Diskussion herzlich eingeladen. Eintritt frei.

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