Nachgefragt bei... Regina Betz
Klima und Kernenergie in der Schweiz
Anfangs Juli hat die Energiekommission einen Bericht zur Zukunft der Kernenergie in der Schweiz veröffentlicht. Co-Autorin Regina Betz ordnet den Bericht aus klimawissenschaftlicher Perspektive ein.

Sol Kislig, ProClim: Regina Betz, Sie sind Co-Autorin des anfangs Juli 2025 erschienen Berichts «Perspektiven für die Kernenergie in der Schweiz». Wie hoch sind die Treibhausgasemissionen von Kernkraftwerken und erneuerbaren Energien im Vergleich?
Regina Betz: Kernkraftwerke (KKW) und erneuerbare Energien schneiden im Grunde recht ähnlich ab bei den Treibhausgasemissionen. Präzise Berechnungen sind von vielen Annahmen abhängig. Wir geben daher auch eher Tendenzen als Zahlen an. Bei der Kernkraft entstehen Treibhausgasemissionen laut Zhang und Bauer (2018) vor allem beim Uranbergbau und der Anreicherung. Diese Emissionen hängen auch davon ab, aus welchem Land das Uran importiert wird. Für Russland, welches international führend ist in der Produktion von Kernbrennstäben, liegen dazu nur eingeschränkte Daten vor. Grob kann jedoch gesagt werden, dass KKW bezüglich Treibhausgasemissionen im Durchschnitt wohl leicht schlechter dastehen als Wasserkraft, insbesondere Flusskraftwerke, etwa ähnlich wie Windkraft, aber etwas besser als Photovoltaik.
Wie sieht die Nutzung der Kernenergie europa- oder weltweit aus?
Der neuste Bericht der International Energy Agency IEA (2025) zeigt auf, dass gegenwärtig vor allem in Russland und China neue KKW gebaut werden, in westlichen Ländern jedoch nur wenige. In Europa wurden aber in Finnland und Frankreich kürzlich die ersten zwei KKW der Generation III – die haben eine ähnliche Technologie wie Leibstadt, jedoch ein besseres Sicherheitskonzept - fertig gebaut, zwei weitere in England sind noch im Bau. In Osteuropa gibt es ein paar konkrete Projekte, weitere Projekte in Westeuropa wurden kürzlich um einige Jahre oder bis auf Weiteres verschoben. Inwiefern KKW global eine Rolle spielen werden, hängt laut der IEA auch davon ab, in welchem Umfang die Regierungen neue KKW finanziell und politisch unterstützen werden. In Frankreich, wo der Energiemix derzeit etwa aus 70% nuklearer Stromerzeugung und 25% erneuerbaren Energien besteht, soll Kernkraft auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig stellt aber der Ersatz der bestehenden ca. 50 KKW innerhalb der nächsten 25 Jahre eine grosse wirtschaftliche und industrielle Herausforderung dar.
Sind KKW geeignet, Schwankungen von erneuerbaren Energien und den zusätzlichen Bedarf im Winter auszugleichen?
Was den Ausgleich von Schwankungen der erneuerbaren Energien betrifft, sind die Möglichkeiten von KKW eingeschränkt. Technisch gesehen können KKW ihre Produktion drosseln, etwa bei starker Sonneneinstrahlung. Sie sind dabei aber langsamer als z.B. Wasserspeicherkraftwerke oder Batterien und können auch nur bis zu 50-70% reduzieren. Zudem führt jede Drosselung zu einer mechanischen Beanspruchung der Anlage und trägt vor allem im unteren Lastbereich zur Materialermüdung bei. Moderne Reaktoren vertragen jedoch eine sehr hohe Anzahl solcher Lastzyklen. Wirtschaftlich gesehen fällt zudem ins Gewicht, dass bei häufiger Drosselung die Gesamtauslastung der KKW sinkt. Dadurch können die Kosten pro kWh produzierten Strom steigen, was sich negativ auf dessen Wirtschaftlichkeit auswirkt.
Im Winter können KKW die saisonal geringere Erzeugung aus Wasserkraft und Solarenergie ausgleichen. Es ist möglich, dass höhere Strompreise im Winter dann auch den potenziellen Ausfall von Einnahmen im Sommer ausgleichen können. Nachteilig wird es für KKW falls sich im Sommer infolge Überproduktion negative Preise am Strommarkt bilden. Diese würden dann sogar Ausgaben bedeuten, da die KKW wie erwähnt ihre Produktion nicht kurzfristig vollständig abschalten können.
In Anbetracht der Hitzewelle der letzten Wochen und den damit verbundenen hohen Luft-und Wassertemperaturen: Gibt es potenzielle Gefahren für KKW aufgrund des voranschreitenden Klimawandels?
Eine potenzielle Herausforderung besteht bei KKW, die Flusswasser zur Kühlung benötigen und dieses dann wieder in den Fluss einleiten. Nach der Kühlung ist das Wasser einige Grad wärmer, was bei initial hohen Wassertemperaturen die kritische Grenze für Lebewesen im Fluss überschreiten kann. Dies betrifft in der Schweiz jedoch nur das KKW Beznau, bei dem eine Flusskühlung in grösserem Umfang notwendig ist. Die KKW Leibstadt und Gösgen haben Kühltürme: Da wird weniger Wasser für die Kühlung gebraucht und auch nicht wieder in den Fluss eingeleitet. Daher sind diese KKW weniger anfällig für Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere in Bezug auf geringere Wasserstände und höhere Temperaturen in Flüssen.
Ein entscheidender Baustein für die Erreichung der Schweizer Klimaziele bis 2050 und damit netto null Emissionen 2050 ist die Elektrifizierung von Verkehr und Heizungen. Zusätzlich steigt der Strombedarf durch Rechenzentren kontinuierlich an. Reichen erneuerbare Energien aus, um diesen wachsenden Bedarf zu decken – oder brauchen wir dafür (neue) Kernkraftwerke?
Diese Frage war nicht Thema des Berichts, unser Fokus liegt auf der Kernenergie. Es gibt aber viele Studien – u.a. die Energieperspektiven 2050+ – die zeigen, dass wir 2050 unseren Strombedarf im Prinzip ohne neues KKW decken können. Fairerweise muss man dazu sagen, dass derzeit nur sehr wenige Studien neue KKW überhaupt als Option berücksichtigen, weil der Neubau ja zurzeit gesetzlich verboten ist. In den Studien, die KKW zulassen (z.B. NEA Nuclear Energy Agency, 2022 oder Darudi et al 2025) ergeben sich unterschiedliche Resultate, je nach Annahmen beispielsweise zu den Kosten für ein neues KKW, zu den Möglichkeiten des Stromimports oder zu zukünftigen Strompreisen. Leider sind diese Annahmen in den Studien nicht immer transparent dargelegt.
Natürlich spielt hier auch eine zentrale Rolle, ob das Stromabkommen mit der EU in einer Abstimmung angenommen wird. Mit diesem Abkommen bleibt die Schweiz Teil eines grossen Versorgungssystems, welches mit einer Vielzahl von Technologien und Kraftwerken auf den wachsenden Bedarf reagieren kann. Ohne das EU-Stromabkommen, haben vor allem die grossen Kernkraftwerke ein Problem, weil sie neu zu bauende Reservekraftwerke für einen ungeplanten Ausfall benötigen.
Im Bericht wird erwähnt, dass ein neues KKW in der Schweiz nicht vor 2050 in Betrieb gehen kann. Warum wird Kernenergie dann überhaupt im Rahmen der Netto Null-Ziele diskutiert?
Die Energiestrategie plant derzeit nicht mit der Kernkraft, um netto null im Jahr 2050 zu erreichen. Und der lange Zeithorizont bis zu einer allfälligen Realisierung eines KKW zeigt, dass wir kurz- und mittelfristig alles daransetzen müssen, die regenerativen Energien stark auszubauen. Grundsätzlich können KKW aber eine Option für eine klimaneutrale Stromversorgung sein, auch nach 2050, sofern sie politisch gewollt sind und die Bevölkerung bereit ist, sie mitzufinanzieren.
Es ist uns wichtig, mit unserem Bericht aufzuzeigen, welche Schritte und Entscheidungen es auf einem möglichen Weg hin zu einem neuen KKW braucht. Dies ist ein komplexer Prozess, ausgehend von verschiedenen dafür notwendigen Gesetzesänderungen über die Genehmigungen und Finanzierung bis hin zum Bau. Es braucht mehrere Abstimmungen und es sind Einsprachen möglich, so dass ein Neubauprojekt in verschiedenen Projektphasen scheitern kann. Und es braucht nicht zuletzt Akteure in der Wirtschaft, die gewillt sind, ein solches Projekt mit den entsprechenden Risiken in Angriff zu nehmen. Wir würden eine grosse Stromlücke riskieren, wenn wir uns auf ein neues KKW verlassen würden.

